Der Bewerbungsprozess bei Amazon Logistics besteht aus drei Schritten.
1. Telefoninterview mit dem Recruiter - die Recruiterin war sehr freundlich. Das Gespräch hat auf Englisch stattgefunden. Sie hat gefragt warum ich ausgerechnet zu Amazon will und ob ich schonmal einen Mitarbeiter entwickelt habe und wie. Alle Fragen zielen auf die Leadership Prinzipien ab. Die STAR Methode wird wirklich gelebt. Man muss keine große Geschichte erzählen, Stichpunkte (am Besten mit KPIs) reichen vollkommen. Hauptsache man kommt schnell zum Punkt.
2. Telefoninterview mit dem Hiring Manager - Ich habe nach dem ersten Gespräch sofort die Zusage für ein zweites bekommen, allerdings nie einen Termin. Erst auf Nachfrage wurde mir ein Termin zugeschickt. Das zweite Gespräch fand mit dem Standortleiter statt. Er war sehr freundlich und wollte nur sicherstellen, dass ich mir auch wirklich bewusst war, auf welche Stelle ich mich beworben hatte. Damit sollte ein rüdes Erwachen vermieden werden (scheint wohl häufiger vorzukommen). Er hat sich für das Gespräch bedankt und indirekt klargemacht, dass es jetzt weiter geht.
3. Der Interviewtag - Auch zum Interviewtag habe ich eine Zusage bekommen. Allerdings lief es auch hier so ab, dass ich keinen Termin bzw. Ort genannt bekommen habe. Auch hier wieder nur auf Nachfrage. Der Interviewtag war der Teil des Bewerbungsprozesses, während dem mir klar wurde, dass ich niemals bei Amazon arbeiten möchte.
Der Plan für den Tag sah ursprünglich vier Interviews á 45 Minuten (eins über den internen Chat Dienst Amazon Chime) vor und dann noch eine Führung durch die Halle (ca. 30 Min). Ich war ca. 15 Minuten vor dem Termin vor Ort. Ein Schichtleiter wartete bereits auf mich und einen weiteren Bewerber. Solange wir noch zu zweit waren haben wir uns ganz normal unterhalten. Später hat er seine volle Aufmerksamkeit dem zweiten - ich möchte hinzufügen - männlichen Bewerber geschenkt. Das hat ich etwas irritiert um ehrlich zu sein. Er fing sofort mit der Standortführung an. Zwar stand das so nicht im Ablaufplan, aber ich bin davon ausgegangen, dass das abgesprochen war. Naja - so war es leider nicht. Ich kam also ca. 15 Minuten zu spät zu meinem ersten Interview. Erschwerend kam noch hinzu, dass das WLAN extrem schlecht war und mein Videointerview über Amazon Chime nur sehr schwer eine Verbindung mit dem Gesprächspartner aufbauen konnte.
Mein erster Interviewpartner hat mir dann erklärt, dass er bei der "Amazon Polizei" arbeite, bei der nur ehemalige Bundeswehr Soldaten arbeiten. Er wäre für die Verhöre derjenigen Mitarbeiter zuständig, die klauen. Er hat außerdem gefragt, wie ich mir die Zusammenarbeit mit seiner Abteilung vorstelle, was ich in ein Lastenheft an sein Team schreiben würde und ob ich schonmal eine Entscheidung getroffen hatte, bei der mir nicht genügend Daten zur Verfügung standen.
Mein zweiter Interviewpartner war der HR Business Partner. Er saß in einem dreckigen Pullover und mit offenen Schuhen (die Schnürsenkel hingen seitlich auf den Boden) vor seinem PC. Er hat es in den 45 Minuten nicht ein einziges Mal geschafft mir in die Augen zu sehen. Er hat sich nach dem vorherigen Interview erkundigt und mir dann noch folgende Information zugetragen: Wenn die Amazon Polizei die "Täter" verhöre, dann würden sie Bundeswehverhörmethoden anwenden. Da dürfe dann auch niemand anderes im Raum sein Dann fragte er, wann ich mal jemanden befördert hatte und warum. Außerdem wollte er noch wissen, wie ich mit einem Mitarbeiter umgehe, der momentan nicht motiviert ist.
Der dritte Interviewpartner war wieder der Standortleiter. Das Gespräch war ähnlich wie das Telefoninterview.
Der vierte Interviewpartner war der weitaus unglaublichste von allen. Er kam ca. 20 Minuten zu spät und fragte mich dann ob ich gerade wirklich allein herumsitze. Dann fing er an zu erzählen, wie sein bisheriger Werdegang bei Amazon aussah. Ich habe genickt und gelächelt um ihm zu symbolisieren, dass ich ihm zuhöre. Plötzlich sagt er zu mir: "Du flirtest aber viel". Ich war so perplex, dass ich nicht wusste wie ich darauf reagieren soll. Ich habe seine Aussage einfach ignoriert und danach auch sicherlich nicht mehr gelächelt. Außerdem hat er noch weitere Annahmen über mich getroffen aufgrund meines bisherigen Lebenslaufs und der Unternehmen, bei denen ich war (z.B. dass mir egal wäre, ob meinen Mitarbeitern ihre Arbeit Spaß macht). Er hat keine einzige Interview Frage gestellt. Er wollte sich einfach nur reden hören und aus seiner Sicht das kleine Blondchen ihm gegenüber beeindrucken.
Dieses Verhalten war absolut unprofessionell und ist in keiner Weise tragbar. Ich bin immernoch schockiert.
Am Ende des Tages habe ich das Angebot natürlich abgesagt. Ein Unternehmen, das einen schon im Bewerbungsprozess so respektlos behandelt kommt für mich überhaupt nicht in Frage.